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20. März 2019 / von Julia Oxé

Hallo

Doktor

KI?

Künstliche Intelligenz in der Medizin.

Was ist machbar, was ethisch vertretbar? 

 

Nicht mehr ganz so ferne Zukunftsmusik   

„Echte Gesundheit durch künstliche Intelligenz“, das zweite Vortragsthema der diesjährigen AccsoCon erweckt sofort meine Neugier. Wie entspannt wäre es, mir die lange Wartezeit bei künftigen Arztbesuchen sparen zu können. Wie beruhigend wäre es, zu wissen, dass mein Röntgenbild bis ins kleinste Detail analysiert wurde und nicht nur mit einem flüchtigen Blick zwischen zwei anderen Diagnosen. Dennoch bleibt ein komischer Beigeschmack bei der Vorstellung, dass mein zukünftiger Altenpfleger vielleicht kein Mensch, sondern ein Roboter sein könnte und mein Hausarzt irgendwann nur noch ein künstliches neuronales Netz. 

Aber Jaroslav Bláha, erfahrener Referent, Spezialist für kritische internationale Systeme und seit neuestem Mitbegründer des Start-Ups CellmatiQ, holt mich dann doch recht schnell wieder in die Realität zurück.  

Bei der Konstruktion eines künstlichen Neuronalen Netzes geht es nicht darum ein Multifunktionstool zu bauen, das eine beliebige Diagnose stellen kann, sondern vielmehr sollte man sich darauf konzentrieren, ein Werkzeug für einen ganz bestimmten Zweck zu realisieren. 

KI in der Medizin - AccsoCon 2019
Kay Dörnemann

Chancen, Schwierigkeiten, Lösungen 

Durch viele positive und negative Beispiele gibt Jaroslav Bláha uns Zuhörern einen vielfältigen Einblick in die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten von KI in der Medizin. Japan versucht beispielsweise durch die Entwicklung von Pflegerobotern, das Überalterungsproblem der Bevölkerung zu meistern. Doch auch zur Diagnose aus Bild- und Labordaten oder für personalisierte Therapieempfehlungen kann KI genutzt werden. 

Sein eigenes Start-up beschäftigt sich derzeit vor allem mit der automatisierten Analyse von Röntgenaufnahmen, beispielsweise zur schnellen Vermessung und Analyse von Kieferstellungen oder zur frühen Erkennung von Glaukomen, auch als Grüner Star bekannt.  

Er zeigt uns unterschiedliche Ansätze auf, macht aber zugleich deutlich, dass die Konstruktion und Vermarktung von KI-Produkten keineswegs trivial ist und auch für scheinbare Giganten, wie IBM, eine große Herausforderung darstellen kann. Das Vorzeigeprojekt Watson wollte die Firma nutzen, um die Krebsforschung durch individuelle Behandlungsmethoden zu revolutionieren. Zu hoch jedoch waren die Erwartungen geschürt worden, als dass sie den mäßigen Ergebnissen hätten standhalten können. 

Wie sieht’s aus mit den ethischen Bedenken? 

Deep Learning wird in Form von Blackbox Verfahren angewendet und es ist schwer beweisbar, dass ein Algorithmus auch wirklich das Krankheitsmuster gelernt hat und nicht etwas ganz anderes, was für den Menschen nicht so einfach wahrnehmbar ist.  

Und so bleibt die Ethikfrage auch nicht aus. Ist es vertretbar, wenn ich in der Medizin etwas anwende, dass ich nicht genau verstehe, nur weil es mir gute Ergebnisse liefert? Oder muss die Frage doch eher lauten: Ist es vertretbar die Anwendung zu unterlassen, nur weil ich nicht genau weiß, wie sie funktioniert? 

Wenn ich über die vorgestellten Zahlen zu Diagnosefehlern nachdenke, kann ich Jaroslav Bláha nur Recht geben, dass er in so manchem Fall den Vergleich zum Münzwurf zieht und wäre bestimmt nicht gegen ein bisschen mehr Zuverlässigkeit. Gleichzeitig möchte ich meine medizinische Versorgung sicherlich nicht ausschließlich in die Hände von Maschinen legen.  

Doch darum geht es auch nach Jaroslav Bláhas Ansicht nicht. Es sei nicht das Ziel durch Künstliche Intelligenz Ärzte oder Pfleger vollständig zu ersetzen. Vielmehr soll die KI dem Arzt als Kontrolle und Hilfe dienen, um Krankheiten auszuschließen, zu diagnostizieren und ihm einfache Arbeiten abzunehmen oder effizienter zu gestalten. Gleichzeitig ist für die Entwicklung und das Training einer KI auch ärztliche Hilfe notwendig, um den Trainingserfolg der KI zu evaluieren und Muster nachzuvollziehen.  

Ethische Bedenken bei KI in der Medizin ?
Kay Dörnemann

Neben technischer Machbarkeit und ethischen Bedenken, geht der Referent auch auf politische Hürden und die Interessenkonflikte mit deutschen Krankenkassen ein. Das Feld, das er sich mit KI in Medizin und Gesundheit ausgesucht hat, ist ein schwieriges, jedoch mit sehr viel Potential. Dies wird in dem Vortrag deutlich, den er mit viel Witz, aber auch kritischem Blick und warnendem Zeigefinger seinem Publikum vorträgt.  

Die gesamte Konferenz über merke ich, dass auch meine Kollegen dieser Vortrag nicht nur beeindruckt hat, sondern auch nachhaltig beschäftigt. KI in der Medizin, ist ein Bereich mit vielen Hürden, aber auch mit Chancen dringende Probleme zu lösen, von denen wir nicht wissen, ob das Schicksal sie für uns bereithält.    

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