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10. Mai 2016 / von Thore Kleinschmidt

BPM -

Der Nabel

der Welt

Business Process Management, kurz BPM, ist “der Nabel der Welt”, so jedenfalls das Credo auf der Insight 2016, einem Kongress für BPM, RE, Agil, DHW und EAM, den ich als Vertreter der BPM Community bei Accso am 12. April in Nürnberg besucht habe. Hier ist ein kurzer Bericht mit den spannendsten Erkenntnissen.

Die Insight wird von der Firma MID (Modellierungssoftware Innovator) veranstaltet und stand dieses Jahr unter dem Motto „Model drives digital“. Dabei wurde, etwas vereinfacht, die „Digital Transformation“ gleichgesetzt mit der „Business Process Transformation“. Warum? Bei dem Blick auf die digitale Transformation stehen zwar immer die tollen Gadgets und User Experencies im Vordergrund (vor allem die Datenbrille wird der neue Hype und das 2. Smartphone), dahinter müssen aber die Geschäftsprozesse stehen, die am Ende das Geld in die Kassen der Firmen spülen.

Wie tiefgreifend sich unser Leben und das der nächsten Generationen durch die Digitalisierung ändern werden, können wir uns allerdings nicht ausmalen. Ranga Yogeshwar (Moderator bei der ARD) hat in seinem Abschlussvortrag hervorgehoben, dass unsere Generation den generellen und unvermeidlichen Fehler macht, die Vergangenheit einfach digital fortzuschreiben – die radikalen Änderungen bleiben – noch – im Dunkeln. Deutschland läuft dabei immer mehr Gefahr abgehängt zu werden und nur noch Werkbank von Google, Apple & Co. zu werden. Als Beispiel wurde angeführt, dass Apple irgendwann Daimler beauftragt, das Apple Car zu bauen, so wie Foxconn die iPhones.

Glücklicherweise hat Yogeshwar bei aller Euphorie über den tollen Fortschritt deutlich gemacht, dass die Datenbrille von Google (oder sonst wem) und die Drohnenzustellung von Amazon (aus Day wird Hour Delivery) die wirklichen Probleme dieser Welt nicht lösen werden.

Nun kurz zu den einzelnen Vorträgen:

Process Experience (Marco Mevius, Konstanzer Institut für Prozesssteuerung)

Die Anwender in den Fachbereichen von Unternehmen sind heute eine User Experience aus ihrer privaten digitalen Welt gewöhnt, die sie auch am Arbeitsplatz erwarten. Was heißt das für die Prozessanalyse? Nicht mehr altbacken modellieren mit öden Desktop-Tools, sondern hip am Smartphone und Tablet. BPM easy nennt er das.

Usecases und Organisationsdesign (Hood GmbH)

Für agile Profis sicherlich ein alter Hut: es wurden die Vorteile dargestellt, Scrum-Teams nicht horizontal, sondern vertikal zu schneiden, d.h. ein Team übernimmt die Verantwortung für ein Feature bzw. eine Anforderung über alle Architekturebenen hinweg. Als Feature kann ein ganzer UseCase, ein UseCase-Szenario oder ein einzelner UseCase-Step genommen werden. Amazon beispielsweise hat pro Web-Seite seines Bestellprozesses ein nur dafür verantwortliches Team, dort liegt die Granularität also auf der Step-Ebene. Vorteil: geringere Abhängigkeiten zwischen den Teams.

Dynamic Data Warehouse  (Dan Linstedt)

Linstedt, der Vater des Data Vault, sieht die Entwicklung hin zu Data Warehouses, die automatisiert ihre Strukturen anpassen, bspw. wenn Twitter neue Tags einführt, die man sofort und ohne manuellen Eingriff in BI-Self-Services (keine starren Reports mehr) auswerten will. Interessant ist, dass er hier eine Kombination aus den neuen NoSQL-Datenbanken wie Hadoop und den althergebrachten relationalen Datenbanksystemen sieht und letzteren noch eine längere Daseinsberechtigung zuspricht, da diese bei den Themen Sicherheit, Stabilität und Konsistenz Hadoop – noch – überlegen sind.

Für die Automatisierung solcher Anpassungen wird Machine Learning genutzt, eine Technologie, die auch für Accso immer wichtiger wird.

Process Intelligence (Elke Brucker-Kley, Hochschule Zürich)

Das Institut für Wirtschaftsinformatik führt jedes Jahr Studien zu BPM durch, 2015 zu dem Thema „Prozessintelligenz“. Es wurde ein Ansatz vorgestellt, der drei Arten der Intelligenz aus der Entwicklungspsychologie – analytisch, praktisch, kreativ – auf BPM abbildet. Ein Punkt aus dem Fazit hat mich aufhorchen lassen: das ungenutzte Potential aus der Verbindung von Business Intelligence (BI) und BPM, Stichwort Process Mining.

Decision Model and Notation (DMN)

Der OMG-Standard DMN zur Modellierung von Entscheidungsbäumen und Entscheidungstabellen setzt sich immer mehr durch. So wird auch das Modellierungstool Innovator diesen Standard bald unterstützen. MID kooperiert hier mit OpenRules, um das exportierte DMN-XML in einer Rules Engine ausführbar zu machen.

Neuerungen bei der MID Software

Es wurde auf Smartfacts eingegangen, das Model Warehouse in der Cloud. Es ist im Funktionsumfang erheblich gewachsen. Beispiele sind eine verbesserte Möglichkeit, die Traceability zwischen Diagrammobjekten herzustellen und Diagrammversionen vergleichen zu können. Die Bandbreite der für den Import unterstützten Modellierungstools nimmt zu.

In der Entwicklung (Beta Status) sind ein BPMN-Web-Modeler, der ganz schick aussieht, und ein Navigator, der bspw. die Processguidance direkt zu den Ausführenden, bspw. auf dem Vorfeld am Flughafen oder an der Registrierkasse im Supermarkt bringen soll. Es wurde hervorgehoben, dass nur etwa 1/3 der Geschäftsprozesse in Unternehmen automatisierbar sind, für den Rest muss man die relevanten Prozess-Informationen dennoch zur Verfügung stellen. Einen Freigabeprozess für Prozessmodelle wird es auch geben, wie auch eine eigene Execution Engine.

Ein – subjektives – Fazit

Glaubt man der ersten Keynote, stellt sich die ganze Welt in den nächsten Jahren digital auf den Kopf. Schaut man auf die Tools und Methoden, wird zwar alles etwas schicker, aber es gibt nicht wirklich etwas überraschend Neues. Agil ist Mainstream, eine Herausforderung ist an dieser Stelle sicherlich die  Versöhnung mit dem Requirements Engineering. Ob das Motto der diesjährigen Insight “Model drives digital” stimmt? Klar, je transparenter meine Prozesse sind und je besser man darüber kommunizieren kann, desto schneller ist man in der der Lage, sich zu transformieren, auf die stetigen Veränderungen zu reagieren.

Als besonders interessant für uns als Software-Entwickler und IT-Berater halte ich die automatisierte Adaption von Systemen auf Basis von Machine Learning, wie am Beispiel des DWH gezeigt. Das wird in Zukunft in vielen Anwendungsszenarien eine Rolle spielen. Der Einsatz von DMN bei Kunden, welche stark regelgetrieben arbeiten, Beispiel Banken, verspricht Innovation und auch die Kombination von BI und BPM hat Potenzial.

 

Autor

Thore Kleinschmidt Jahrgang 1971, arbeite als Berater unter anderem in Dataware-Häusern von Großunternehmen. Seit Mai 2013 ist als Managing Consultant bei Assco – Accelerated Solutions tätig, mit Schwerpunkt in den Bereichen Daten und Prozessmanagement.
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