22. Jan. 2026
Strategie verwirklichen: So halten Sie durch!
Zum Abschluss dieser Artikelreihe zur Visions- und Strategiearbeit möchte ich auf etwas eingehen, das, aus meiner Sicht, ihren Erfolg und Misserfolg bestimmt, wie wenig anderes. Ich spreche vom konsequenten Verfolgen der strategischen Ziele oder einfacher gesagt, dem Durchhaltevermögen der Beteiligten.
Zu Beginn fällt es oft leichter, sich darauf zu konzentrieren, wie die eigene Zukunft aussehen soll und welche Schritte dafür gegangen werden müssen. Doch wie sieht es 6 Monate später aus oder in 2 Jahren? Dann haben Vision und Strategie an Neuigkeitswert und Euphorie eingebüßt und auch die Umsetzungsarbeit ist möglicherweise zur Routine geworden. Haben Sie dann das Zukunftsbild noch fest im Blick und steuern konsequent darauf zu? Oder lassen Sie sich schon durch kleinere Hürden vom Kurs abbringen?
Das Durchhaltevermögen hat in dieser Hinsicht viel mit der Fähigkeit zu tun, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu steuern. Es geht um die Frage, worauf Sie Ihren Fokus lenken und wie Sie die Konzentration dort halten können. Bei sehr langfristigen Vorhaben ist das nicht leicht, vor allem wenn vieles im operativen Alltag ebenfalls nach Ihrer Aufmerksamkeit verlangt.
Die gute Nachricht ist, dass sich das kaum von den notwendigen Fähigkeiten unterscheidet, die es auch in anderen Kontexten braucht, um langfristigere Ziele zu erreichen, bspw. im Privaten. Und hierfür gibt es wissenschaftlich fundierte Ansätze, die uns wiederum im Organisationsumfeld helfen können. Ein Beispiel ist das Akzeptanz- und Commitment-Training, aus dem ich für unsere Zwecke ein paar Hilfestellungen ableiten möchte, um das Durchhaltevermögen auch auf lange Sicht zu stärken. Mit Durchhalten meine ich hier vor allem, sich auf ein Ziel zuzubewegen, trotz innerer oder äußerer Hürden.
Zur einfachen Übersicht und Anwendung habe ich diese Hilfestellungen in drei Aspekte mit jeweils zwei Fragestellungen geordnet. Diese können Sie entweder für sich oder noch besser gemeinsam mit Ihrem Führungsteam reflektieren. Das allein führt schon zu erhöhter Aufmerksamkeit und trainiert gleichzeitig, regelmäßig angewandt, auch langfristig die Fähigkeit, Ihren Fokus bewusster ausrichten zu können.
Engagiertheit
„Was ist uns wirklich wichtig?“
In unserem Kontext sollten sich die Antworten auf diese Frage stark mit den Inhalten der Vision überschneiden. Wenn das, was Ihnen im Kern wichtig ist, nicht mit den Inhalten Ihres Zukunftsbildes übereinstimmt, ist vielleicht das Zielbild abhandengekommen oder seine Inhalte haben sich überholt und sollten möglicherweise angepasst werden.
„Handeln wir entsprechend?“
Führt Sie das, was Sie tun, wirklich in Richtung der Dinge, die Ihnen wichtig sind oder woanders hin? Versuchen Sie insbesondere diese Frage ehrlich, aber wertfrei zu diskutieren. Es geht nicht darum, Schuld zuzuweisen, wenn sich das tägliche Handeln als nicht zielführend herausstellen sollte. Vielmehr geht es darum, sich bewusst zu machen, dass es so sein könnte und darum, ggf. umsteuern zu können.
Gegenwärtigkeit
„Sind wir gerade konzentriert und gedanklich in der Gegenwart?“
Im Artikel zur Erarbeitung von Vision und Strategie habe ich angesprochen, welche Bedeutung die Verankerung in der Gegenwart bei strategischer Zukunftsarbeit hat. Wir betrachten mögliche Zukünfte immer aus der Gegenwart heraus und sollten uns möglichst wenig einfangen lassen durch zu starke Perspektiven aus der Vergangenheit (führt gerne zu übermäßigen Befürchtungen) oder aus der Zukunft (führt leicht zu übersteigerten Hoffnungen und Erwartungen). Leider findet unser Verstand diese Sichtweisen oft sehr verführerisch und bietet uns zahlreiche Ausgestaltungen dazu an. Diese Frage trainiert das Bewusstsein dafür und hilft gleichzeitig dabei, sich auf den jetzigen Moment, die jetzige Diskussion zu konzentrieren.
„Nehmen wir wahr, wie wir uns jetzt im Moment als Gruppe verhalten?“
Diese Frage knüpft an die vorangegangene direkt an und kann selbstregulatorisches Verhalten einer Gruppe stärken. Das kann bspw. bedeuten, dass ein Teil der Gruppe, der sich in Befürchtungen oder Beschuldigungen verstrickt hat, von einem anderen Teil zurück in die Diskussion geholt wird, weil die gedankliche Verstrickung als solche wahrgenommen wurde.
Mentale Unabhängigkeit
„Sind wir gerade gedanklich frei oder verheddert (in Hoffnungen, Befürchtungen oder anderes)?“
Ob als Einzelperson oder als Gruppe, es geschieht unglaublich schnell, dass man sich gedanklich in Eventualitäten, Nebenkriegsschauplätzen oder anderem verstrickt und dabei an Klarheit verliert. In diesem Fall sorgt allein die Frage für eine Unterbrechung und kann es leichter machen, sich wieder mit kühlem Kopf auf die jetzige Diskussion zu konzentrieren.
„Können wir es trotzdem machen, auch wenn gerade innere oder äußere Hürden präsent sind?“
Diese letzte Frage trifft den Kern gesunden Durchhaltevermögens: Das Aushalten der Spannung zwischen dem was sein soll und dem, was im Weg steht, verbunden mit einer bewussten Entscheidung, dennoch im Sinne dessen zu handeln, was wirklich wichtig ist. In unserem Fall geht es dabei um die Konzentration auf die Umsetzung von Strategie und Vision trotz Hürden und der Ablenkungen durch den Arbeitsalltag.
Bei diesen Fragen geht es weniger darum, die richtige Antwort auf sie zu finden, sondern eher um ein Training der Wahrnehmung. Beispielsweise ist es völlig in Ordnung sich darüber bewusst zu werden, dass Sie sich gerade vielleicht verheddert haben. Diese Erkenntnis ist im Zweifel mehr Wert, als sich darum zu bemühen, sich aus der gedanklichen Verstrickung bewusst und möglicherweise krampfhaft lösen zu wollen. Mit der Zeit und etwas Training können Sie früher feststellen, dass sich eine solche Verstrickung anbahnt und sie rechtzeitig beiseiteschieben.
Und was, wenn es nicht funktioniert?
Wenn Sie bei einer oder mehreren dieser Fragen feststellen, dass sie immer wieder feststecken oder es nicht gelingt, klar und konsistent zu benennen, was wichtig ist und im vollen Bewusstsein von Widerständen entsprechend zu handeln, dann ist auch dieses Bewusstsein wertvoll. Sie wissen dann um eine mögliche Kompetenzlücke, die Sie schließen können. Eine entsprechend geschulte Unterstützung, zum Beispiel in Form eines Coaches, kann Ihnen dabei helfen, die notwendigen Kompetenzen aufzubauen.
Ich hoffe, dass ich mit diesem kleinen Ausflug in die Psychologie des Durchhaltens unsere Reise durch die Phasen der Zukunftsarbeit gut abrunden konnte. Was meinen Sie? Habe ich einen Aspekt übersehen, den Sie wichtig finden?