09. Juli 2026
Ohne Kränkung und Streit: Feedback geben und bekommen
Was kann ich also tun, um mit Feedback Klarheit zu schaffen, ohne zu verletzen oder verletzt zu werden?
Eine Möglichkeit ist, sich verschiedene Ebenen zu vergegenwärtigen, auf denen Feedback andocken und eine Reaktion hervorrufen kann:
- Dem konkreten Verhalten, bspw. einer Handlung oder Aussage: Das habe ich gesagt oder getan.
- Der Vorstellung ganzer Kompetenzen und grundlegender Fähigkeiten: Das kann ich oder kann ich nicht.
- Den Werten und Grundhaltungen: Das ist mir grundsätzlich wichtig und für mich nicht debattierbar.
- Dem Selbstbild, also der Vorstellung eines Menschen von sich als Ganzem: Das bin ich und das bin ich nicht.
Konkretes Verhalten kann klar und deutlich kritisiert werden. Zu Missverständnissen und Kränkungen kommt es dabei dann, wenn das Gegenüber sich in einer der anderen Ebenen kritisiert oder gar angegriffen fühlt – ob beabsichtigt oder nicht. Beispielsweise indem jemand den Eindruck bekommt, in seiner oder ihrer grundlegenden Kompetenz in Frage gestellt zu werden oder, im schlimmsten Fall, als ganze Person.
Dabei geht es immer darum, wie der oder die andere die Kritik einordnet, weniger, wie man sie selbst gemeint hat.
Um das Risiko für Missverständnisse, Kränkungen oder Streit zu reduzieren, können wir demnach v.a. zwei Dinge tun:
- Das Feedback in der Formulierung klar und eindeutig auf konkretes Verhalten begrenzen. Wir kritisieren eine konkrete Sache und vermeiden Verallgemeinerungen auf ein grundsätzliches Bild von Kompetenz, Werten oder der Person als Ganzer.
- Das Feedback erkennbar aus der eigenen Wahrnehmung heraus formulieren.
Dieser zweite Aspekt, die Ich-Botschaft, ist mehr als reine Kommunikationskosmetik (sofern sie ernst gemeint ist). Jeder Mensch nimmt unterschiedliche Aspekte der Realität und diese auch noch unterschiedlich und größtenteils unbewusst wahr. Paul Watzlawick brachte es mit diesem berühmten Satz auf den Punkt: „Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die wirkliche Wirklichkeit ist.“ Wahrnehmung und Wirklichkeit werden also leicht verwechselt, was Watzlawick als eine grundlegende Herausforderung in der zwischenmenschlichen Kommunikation beschrieben hat.
Als Konsequenz daraus ist jede Wahrnehmung berechtigt (auch weil unvermeidbar) und in ihrem Inhalt und dem Bezug zur Realität möglicherweise richtig und möglicherweise falsch – wir wissen es nicht. Ich beschreibe also besser meine Wahrnehmung (im Rahmen eines Feedbacks), als der anderen Person eine Wahrnehmung oder Wirklichkeit zuzuschreiben, weil ich glaube, sie zu kennen.
Dazu kommt noch etwas anderes: Sich auf eine gemeinsame Deutung der Wirklichkeit zu verständigen ist einfacher, wenn es sich um eine konkrete Sache, wie eine Aussage oder ein beobachtbares Verhalten handelt. Ebenen wie Werte und Selbstbild sind zwar wirkmächtig und verletzbar, gleichzeitig aber auch größtenteils unbewusst und kaum vollständig beschreibbar. Damit können hier große Interpretationsspielräume entstehen, die nur allzu leicht von Missverständnissen gefüllt werden können.
Der Tipp in Kurzform lautet also: konkrete Dinge konkret kritisieren, aus der jeweils eigenen Sicht heraus.
Was aber, wenn man selbst mit Feedback konfrontiert wird und sich dabei angegriffen fühlt?
Auch hier kann man die Ebenen von oben zurate ziehen und versuchen, den „Generalangriff“ auf konkretes Verhalten zu begrenzen:
- Im ersten Schritt frage ich mich selbst: Was wurde tatsächlich gesagt? Auf welcher Ebene fühle ich mich angegriffen? Meiner Kompetenz, meinen grundlegenden Ansichten oder meiner Person? Worüber bin ich bereit, mit meinem Gegenüber zu diskutieren und worüber nicht?
- Im zweiten Schritt frage ich mein Gegenüber bspw.: „Woran machst du das fest?“ Damit versuche ich das Feedback auf konkretes, beobachtbares Verhalten zu begrenzen und das Gespräch zu versachlichen (wenn notwendig).
- Im dritten Schritt können wir dann beide Wahrnehmungen abgleichen und hoffentlich konstruktiv im Feedback-Gespräch fortfahren.
Mit ein bisschen Übung kann das blitzschnell und fast intuitiv geschehen. Und es bringt mich, selbst bei emotionaler Aufladung, in eine Position, aus der ich bewusster entscheiden kann, wie nah ich eine Kritik an mich heranlassen möchte und was ich aus dem Feedback lernen kann.