11. Juni 2026

Fähigkeiten im Quadrat: So lassen sich Entwicklungsgespräche verbessern

In Feedback- und Entwicklungsgesprächen wird sich gern auf eine einzelne Stärke oder Schwäche einer Person konzentriert. Nicht, dass andere Themen nicht auch besprochen würden, aber es scheint die Idee zu geben, dass immer eine individuelle Fähigkeit und ihre Ausprägung im Vordergrund stehen sollte. Das fand ich auffällig und auf nicht direkt greifbare Weise irritierend. Vielleicht hat es auch einfach meine Vorliebe zum systemischen Denken gestört, die immer etwas verschnupft reagiert, wenn Themen (vermeintlich) isoliert betrachtet werden.
2024 Marc Riedinger

Autor:in

Marc Riedinger

Fähigkeiten im Quadrat

Dann lief mir ein interessantes Modell über den Weg, das einen differenzierteren Blick auf Entwicklungsgespräche mit Mitarbeitenden erlaubt: das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Friedemann Schulz von Thun. 

Fähigkeiten stehen in Beziehung 

Kompetenzen, Tugenden oder, allgemeiner, menschliche Qualitäten sind hier zunächst wertneutral. Ob eine Fähigkeit nützlichist oder nicht, hängt von zwei Dingen ab: 

  • Dem Kontext, in dem die Fähigkeit genutzt wird (oder genutzt werden soll) und 
  • Von der Schwester-Tugend – einer zweiten, (auf den ersten Blick) entgegengesetzten Fähigkeit, die die Ausgangskompetenz ausbalanciert 

Anders formuliert: Fähigkeiten treten, nach diesem Modell, immer paarweise auf. Und wenn beide entsprechend ausgeprägt sind und in gesunder Beziehung zueinanderstehen, ist für beide Fähigkeiten eine Art optimaler Entwicklungsstand erreicht. Friedemann Schulz von Thun benutzt dafür das Bild eines Regenbogens.  

Was heißt das konkret? 

Lisa 

Lisa ist sparsam, zumindest sieht sie sich so. Manche nennen sie geizig, aber ihr ist es wichtig, wohlüberlegt Geld auszugeben und es nicht einfach so zu verplempern. Gleichzeitig möchte sie von ihrem Umfeld nicht verurteilt oder anders negativ wahrgenommen werden und beginnt, sich mit ihrer Sparsamkeit zu beschäftigen. Sie lernt, dass die Sparsamkeit eine ausgleichende Schwester-Tugend braucht: Großzügigkeit. Wenn sie es schafft, beide Fähigkeiten zu entwickeln und in Balance zu halten, kann sie auch problemlos beide leben. 

Max 

Max ist sehr leistungsbereit. Er macht viele Überstunden und wird von seinem Umfeld für seine Zuverlässigkeit und Qualität der Arbeit gelobt. Deshalb wurde er auch in kurzer Zeit mehrfach befördert. Allerdings machen sich manche Kollegen auchein bisschen Sorgen um ihn, denn auffallend oft erzählt er von „Nachtschichten“ und dem Arbeiten am Wochenende. In einem Entwicklungsgespräch lernt er das Konzept der Schwester-Tugenden kennen und benennt für sich eine ausgleichende Kompetenz zu seiner Leistungsbereitschaft: Selbstfürsorge. Wenn er beide Fähigkeiten entwickelt und flexibel abrufen kann, balancieren sie sich auf gesunde Weise aus. 

Elke 

Elke wird im Team als sehr zurückhaltend und ruhig wahrgenommen. Sie wird als angenehme Kollegin beschrieben, die sich aber kaum zu Wort meldet. In einem Entwicklungsgespräch beschreibt sie, dass sie großen Wert darauflegt, Rücksicht auf andere zu nehmen – das würde sie sich auch generell viel mehr von anderen Menschen in ihrer Umgebung wünschen. Deshalb wartet sie in Team-Meetings auch erstmal ab, um sich nicht vorzudrängeln, wie sie sagt. Im Laufe des Gesprächs lernt sie, dass sie eine zweite Fähigkeit braucht, Selbstbehauptung, um, trotz aller Rücksichtnahme, im Team aktiv stattfinden zu können. 

Sparsamkeit + Großzügigkeit, Leistungsbereitschaft + Selbstfürsorge, Rücksichtnahme + Selbstbehauptung – Das sind die Tugend-Paare aus den drei kurzen Beispielgeschichten.  

Fähigkeiten 1

Im Entwicklungsquadrat nach von Thun bilden solche Tugend-Paare die obere Hälfte: Zwei Fähigkeiten stehen in Beziehungund machen sich erst gegenseitig nützlich. 

Übertreibungen machen Schwierigkeiten – und sie können helfen 

Je nach Tugend und Kontext kann man es mit ihnen auch übertreiben, um es vorsichtig zu formulieren. Für Lisa, Max und Elke könnte dann bspw.: 

  • Sparsamkeit zu Geiz werden oder Großzügigkeit zu Verschwendungssucht (Lisa) 
  • Leistungsbereitschaft zur Selbstausbeutung oder Selbstfürsorge zur Faulenzerei (Max) 
  • Rücksichtnahme zu Selbstaufgabe oder Selbstbehauptung zur Rücksichtlosigkeit (Elke) 

Es scheint also nicht nur um das Zusammenstellen zweier Fähigkeiten zu gehen, sondern auch um deren individuelle Ausprägung. Die stark negative Ausprägung einer Kompetenz wird im Modell als eine „Übertreibung“ verstanden und in der unteren Hälfte des Entwicklungsquadrats dargestellt. 

Fähigkeiten 2

Was mir daran gefällt: Es ist immer ersichtlich, was das Gute im Problematischen sein kann, denn die Übertreibung oder die Schwäche steht immer einer zumindest wertneutralen Kompetenz gegenüber. 

Bereits so kann eine individuelle Stärke oder Schwäche differenzierter verstanden und besprochen werden, nämlich als Zusammenspiel zweier Fähigkeiten und ihrer Übertreibungen: 

  • Die Balance zur Schwester-Tugend und beide Übertreibungen, wenn es um eine Stärke oder positive Eigenschaft geht 
  • Die positive Tugend „hinter“ der Schwäche oder Übertreibung sowie die Schwester-Tugend und ihre Übertreibung, wenn es um eine Schwäche oder ein problematisches Verhalten geht 

Der Praxis-Tipp: Es ist sinnvoll, dass die betroffenen Personen selbst die Begrifflichkeiten für Tugenden/Fähigkeiten und Übertreibungen finden. Dieses Aufspüren ist ein wertvoller und oft erkenntnisreicher Bestandteil des Entwicklungsgesprächs - das Modell selbst bietet dafür den Rahmen. 

Entwicklung geht über Kreuz 

Wenn ein solches Quadrat erstellt wurde und sich die entsprechende Person mit ihren Themen darauf verortet hat, ist die naheliegende Frage: Was machen wir jetzt damit? Wie hilft uns das dabei, die Entwicklung einer Person in eine bestimmte Richtung zu fördern? 

In dem Modell verläuft Entwicklung über Kreuz, bspw. von einer Übertreibung diagonal zur nächsten Fähigkeit. Würde sich Lisa als geizig beschreiben und das ändern wollen, müsste sie die Fähigkeit zur Großzügigkeit entwickeln oder stärken (als Schwester-Tugend der Sparsamkeit, deren Übertreibung Geiz ist). Was ihr dabei Sorge bereiten und der Entwicklung im Weg stehen könnte, ist die Übertreibung der Schwester-Tugend: die Sorge, verschwenderisch zu werden. 

Fähigkeiten 3

Bei Max könnte die Entwicklung entsprechend von Selbstausbeutung zur Selbstfürsorge verlaufen und bei Elke von Selbstaufgabe zur Selbstbehauptung. 

Sobald die Richtung auf diese Weise geklärt wurde, können konkrete erste Schritte auf diesem Weg geplant und gegangen werden. Die Frage ist dann: Was könnte ein erster Schritt in Richtung Großzügigkeit/Selbstfürsorge/Selbstbehauptung sein, den du dir zutraust? 

Wenn Sie wollen, probieren Sie es einmal für sich selbst aus. Aus eigener Erfahrung, die ich auch in einer wunderbaren Weiterbildung am Schulz von Thun-Institut machen durfte, kann das sehr erkenntnisreich sein.  

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg dabei! 

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Marc Riedinger

Organisationsberatung und Coaching
2024 Marc Riedinger