16. Apr. 2026
Licht im Dickicht: Kann mir Coaching helfen? Und wenn ja, welches?
Was mich dabei am meisten beschäftigt: Menschen und Teams, die nach Hilfe suchen, stehen einem schwer zu durchschauenden Angebot gegenüber, das mit teils diffusen Kategorien und manchmal auch übertriebenen Versprechen hantiert. Dabei treibt die betroffenen Personen in der Regel eine simple Frage um: Wer kann mir helfen? Und wie bei jeder anderen Form von Dienstleistung sollten Anbieter auch hier eine klare Antwort liefern können.
Nachdem ich selbst als Coach für Einzelpersonen und Gruppen, mit und ohne Führungsaufgaben, arbeite, möchte ich hier eine Orientierungshilfe anbieten. Denn ja, der Markt und die Anbietersituation scheinen schwer zu durchschauen. Und ja, es gibt leider Menschen, die diese Intransparenz für sich ausnutzen oder sich selbst in ihrer Kompetenz überschätzen. Gleichzeitig gilt aber auch: Coaching kann sehr hilfreich sein und viele auf diesem Gebiet sind qualifiziert, seriös und behutsam. Dafür stehen bspw. prägende Personen im deutschen Coaching-Ausbildungsraum, wie Gunther Schmidt, Björn Migge und Friedemann Schulz von Thun.
Nichtsdestotrotz: Es kann eine ganz schöne Herausforderung sein, ein passendes und seriöses Coaching-Angebot für ein eigenes Anliegen zu finden. Und dafür gibt es mehrere Gründe.
Ein Begriff und eine Vielzahl an Darreichungsformen
Allein bei der Vielzahl an Begriffs- und Bedeutungskombinationen kann einem schwindlig werden. Es scheint fast so, als sei der Begriff „Coaching“ beliebig mit Themen kombinierbar. Ich persönlich glaube, das ist er nicht und eine Spezifizierung schafft nur in wenigen Fällen wirklich Transparenz. Ein paar Beispiele:
Team & Agile Coaching
Beim Team Coaching geht es darum, die Kommunikation und Zusammenarbeit in einer Gruppe zu verbessern. Der Fokus liegt weniger auf den (selbstgewählten) Zielen, Kompetenzen und Bedürfnissen einzelner Personen, sondern auf Zielausrichtung, Kompetenzen und Dynamik der gesamten Gruppe. Entsprechend spielen Kompromissbildung und Konfliktlösung eine andere Rolle als in Einzelcoachings. Daher unterscheiden sich die Techniken, im Vergleich zu Einzelcoachings, aber die Haltung der Coaches ist vergleichbar.
Beim Agile Coaching kommen gewisse Grundannahmen und kaum verhandelbare Zielvorgaben hinzu, die von agilen Arbeitsmethoden herrühren (z.B. Steigerung von Effizienz, Lern- und Lieferfähigkeit), die bei anderen Team-Coachings keine große Rolle spielen müssen. Agile Coaches sind dadurch etwas eingeschränkter in ihrer Bewegungsfreiheit.
Business & Executive Coaching
Im Business Coaching geht es um Einzelcoachings mit beruflicher Schwerpunktsetzung. Dazu können Themen wie Stressbewältigung, den Umgang mit Unsicherheiten, Entscheidungsfindung und die individuelle berufliche Weiterentwicklung gehören. Ebenso ist eine Begleitung einer Person, die in eine Führungsposition wechselt, eine übliche Thematik.
Als Executive Coaching wird üblicherweise ein Business Coaching mit Führungskräften in hohen Positionen bezeichnet.
Im Unterschied zum Personal Coaching ist es hier nicht unüblich, dass Coachees ein entsprechendes Coaching und eine damit verknüpfte Zielsetzung nahegelegt wird, sie sich also nicht selbst vollständig frei entscheiden können, ob und für welches Ziel sie sich ins Coaching begeben.
Personal Coaching
Beim Personal Coaching entscheidet der Coachee vollständig selbst, welches Ziel in welchem Lebensbereich erreicht werden soll. Beispielsweise kann es dabei um einen generell erlebten Sinnverlust gehen oder um ein als belastend erlebtes Prokrastinieren, das sowohl im beruflichen wie auch im privaten auftritt. Methodisch funktionieren Business und Personal Coaching gleich.
Ich persönlich ziehe die Grenze zwischen Business und Personal Coaching eher locker. Viele Schwierigkeiten, die Menschen plagen, treten entweder in mehreren Lebensbereichen gleichzeitig auf – dann sollten wir sie uns auch anschauen – oder stellen in einem Lebensbereich ein Problem dar, in einem anderen aber nicht – dann kann vielleicht daraus gelernt werden.
Ansatzspezifisches Coaching
Bezeichnungen wie „systemisches Coaching“, „hypnosystemisches Coaching“ (Gunther Schmidt) oder „Schema Coaching“ (Björn Migge) machen das jeweils zugrunde liegende theoretische Modell transparent, mit dem die entsprechenden Coaches arbeiten. Das beeinflusst bspw. welche Bezüge und Rückschlüsse hergestellt werden und auch, wie eine Coaching-Sitzung praktisch ausgestaltet und damit von Coachees erlebt wird.
Einerseits finde ich es richtig und wichtig, diese Ansätze transparent zu machen. Gleichzeitig sind diese Begriffe für Hilfesuchende oft kaum verständlich und helfen daher wenig bei der Orientierung.
Die „bunten“ Formen
Die bisher genannten Coaching-Formen können, bei entsprechender Ausbildung und Haltung, als seriös eingeschätzt werden. Doch was ist mit den Erfolgs-, Abnehm-, LinkedIn-, Speaker-, Diversitäts- und sonstigen Coaches, die sich in der Welt tummeln und auf die sich Reportagen wie die von Thilo Mischke beziehen?
Meine kurze Antwort: Ich glaube nicht, dass es sich dabei um Coaches handelt, sondern um andere Formen von Beratung, Training oder ähnlichem. Das hängt damit zusammen, wie Coaching sich selbst versteht und arbeitet (nach der Definition entsprechender Fachverbände wie DBVC, QRC oder ICF).
Gemeinsame Nenner
Diesem Verständnis nach zeichnet sich Coaching durch eine Reihe von Annahmen und Prinzipien aus, zum Beispiel:
- Coaching wirkt strukturiert darauf hin, dass Coachees Erkenntnisse und Problemlösungen selbst entdecken. Deshalb wird auch stark über Fragen gearbeitet. Coaches agieren nicht als Ratgeber und geben auch keine Ziele vor.
- Coaching-Prozesse sind begründbar, d.h. sie bauen auf einem validen Modell auf und basieren nicht auf rein eigener Erfahrung oder einem „Bauchgefühl“.
- Coaching ist ein ergebnisoffener Prozess (wie bspw. auch die Psychotherapie), d.h. eindeutige Erfolgsversprechen sind demnach unseriös.
- Coaching ist von einer wertfreien Haltung geprägt und vermeidet bewusst Fremdzuschreibungen und die Übertragung von Präferenzen des Coaches auf den Coachee.
Zumindest meiner Fantasie nach kann ich mir damit kein LinkedIn-, Anlage-, Abnehm- oder ähnliches Coaching vorstellen.
Abgrenzung zu verwandten Tätigkeiten
Das soll nicht gegen Tätigkeiten wie Beratung, Training oder Mentoring sprechen – im Gegenteil. Es sind unterschiedliche Dinge, verbunden mit unterschiedlichen Haltungen, Werkzeugen und gegenseitigen Erwartungshaltungen.
Wenn Ihnen jemand genau sagt, was Sie tun müssen, um ein Ziel zu erreichen oder ein Problem zu lösen, dann befinden Sie sich in einer Beratung. Sie bekommen ein Problem gelöst oder zumindest die Anleitung dafür geliefert. Dabei trägt der Berater die Verantwortung für die Wirksamkeit der Lösung.
Wenn Ihnen jemand eine Technik, Methode o.ä. beibringt, die Sie anschließend flexibel für eigens gewählte Situationen einsetzen können, dann befinden Sie sich in einem Training. Sie bekommen etwas beigebracht, mit dem Sie unterschiedliche Probleme lösen können. Der Trainer trägt die Verantwortung dafür, dass Sie verstehen, wie das Schulungsmaterial funktioniert und wie Sie es anwenden können. Sie tragen die Verantwortung dafür, die Technik richtig und an der richtigen Stelle anzuwenden.
Wenn Ihnen jemand auch mithilfe eigener Erfahrung bei Ihrer Weiterentwicklung in einem bestimmten Bereich hilft, dann befinden Sie sich in einem Mentoring. Sie lernen anhand der Erfahrungen, die ein Mentor gemacht hat und bekommen darüber gewisse Richtungen angeboten. Damit tragen Mentoren eine große Verantwortung, denn sie machen sich damit auch selbst zum Maßstab für die Entwicklung ihrer Mentees.
Wenn Ihnen jemand dabei hilft, Ihre Ziele zu entdecken und zu formulieren, offen zu erkunden, was der Zielerreichung im Weg steht und wie Sie sich mit Ihren eigenen Werten und Bedürfnissen dem Ziel annähern können, dann befinden Sie sich in einem Coaching. Dabei trägt der Coach die Verantwortung für den Prozess des Erkundens und Klärens und das Anbieten unterschiedlicher Perspektiven.
Gerade in längeren Coaching-Prozessen werden diese Grenzen teils bewusst kurz überschritten, wenn nachdrücklich der Wunsch besteht oder um einen Impuls zu setzen, der einen ins Stocken geratenen Coaching-Prozess wieder in Bewegung bringt. Gutes Coaching bedeutet auch, solcheRollenwechsel transparent zu machen. Oder allgemeiner formuliert: Gutes professionelles Arbeiten mit Menschen bringt es mit sich, Transparenzdarüber zu schaffen, in welchem Verhältnis man zueinander gerade steht und was man voneinander erwarten kann.
Eine Orientierungshilfe
Ich hoffe, diese Einordnung kann dabei helfen, nicht irgendwelchen Heilsversprechen auf den Leim zu gehen. Wer verspricht, Sie reich, erfolgreich, effizient oder glücklich zu machen, ist sehr wahrscheinlich ein Scharlatan oder zumindest ein Blender. Dabei ist für mich auch nicht die Frage entscheidend, ob sich eine solche Person Coach, Beraterin, Experte oder anders nennt und was das für die jeweilige Disziplin bedeuten mag.
Die Frage ist für mich hier vielmehr: Wie seriös und vertrauenswürdig ist die jeweilige Person, nicht die Disziplin als Ganze. Und das lässt sich bspw.auch an der Offenheit erkennen, mit der ein solcher Mensch Ihren Sichtweisen, Zielen, Problemen und Lösungsversuchen begegnet – zumindest im Coachingbereich.
Dass wir Berufsbilder haben, deren Bezeichnungen nicht geschützt sind und es daher schwieriger ist, eine gesellschaftliche Vereinbarung zu Tätigkeit, Ausbildung und Qualität zu schaffen, ist ein Umstand, der vielleicht nicht optimal ist, aber mit dem wir es geschafft haben zu leben (zumindest faktisch gesehen). Er betrifft nicht nur Berater unterschiedlichster Fachrichtungen und Coaches, sondern auch Journalisten, Redakteurinnen und ein großer Teil der Berufe, die als Führungspositionen bezeichnet werden.
Wenn ich mir unsicher über die Qualifikation einer Person bin, kann ich immer fragen: Was haben Sie gelernt? Welche Erfahrungen haben Sie bisher gesammelt? Was hat für Sie funktioniert und was nicht? Und darauf aufbauend: Wie würden Sie mir konkret helfen?
Eine letzte wichtige Abgrenzung: Allem, was mit Krankheit und Heilung zu tun hat, physisch und psychisch, dürfen sich zurecht nur Menschen annehmen, die über eine entsprechend qualitätsgesicherte Ausbildung und eine geschützte Berufsbezeichnung verfügen. Da gibt es kein Vertun.