16. Februar 2018 / von Dr. Martin Fritz

Neues
aus der Welt
der Software-
Architektur

Ein Konferenzbericht von der OOP 2018

 

25 Jahre sind eine Ewigkeit in der IT, egal für was. Insbesondere auch für eine Konferenz über Software-Architektur. Insofern ist es schon bemerkenswert, dass die OOP (existiert seit 1992) nicht nur der Dinosaurier unter den deutschen Software-Konferenzen ist, sondern auch immer noch der Platzhirsch, mit über 140 Vorträgen und mehr als 3000 Teilnehmern. Als Software-Architekt muss man da einfach dabei sein. Vielleicht nicht jedes Jahr, aber schon ab und zu. Dieses Jahr war es wieder soweit…

Das Programm

Die OOP ist, nun ja, etwas unübersichtlich. Acht parallele Tracks, dazu noch Fachforen, (gesponsorte) „Special Days“, Workshops, die jeweils wieder ein eigenes Zeitraster haben; nicht zu vergessen die Ausstellung, da kann man schon mal etwas ins Schleudern kommen, wo es denn eigentlich als nächstes hingeht. Thematisch fällt auf, dass es eigentlich kein großes Hype-Thema gibt. Hier und da gibt’s noch was zu Microservices. Deep Learning hat auch diverse Slots – Blockchain nur zwei – wenn ich nichts übersehen habe. DevOps kommt in vielen Vorträgen vor, wenn auch mit höchst unterschiedlichen Vorstellungen, was denn darunter zu verstehen ist. Big Data hat ein eigenes Fachforum, kommt aber im übrigen Konferenzprogramm so gut wie gar nicht vor. Agile ist allgegenwärtig, aber diskutiert wird nicht mehr das „ob“, sondern höchstens noch Details des „wie“. Breiten Raum nehmen Social-Skill-Aspekte ein: Wie funktionieren Teams? Wie geht Führung und Coaching in der heutigen Zeit? Was ändert sich an der Rolle und am Selbstverständnis eines Architekten?

Die Highlights

Das Problem an großen Konferenzen ist, dass sie so groß sind. Es findet so viel parallel statt, dass man nur einen Bruchteil mitnehmen kann. Und von diesem Bruchteil ist am Abend schon wieder das meiste vergessen, weil so viele Eindrücke auf einen eingeströmt sind. Diesen Disclaimer vorangestellt, hier nun meine persönlichen Highlights:

  • Marcus Klüsener: Verwendung von Blockchain als Architektur-Entscheidung: endlich mal eine zusammenhängende Darstellung dieses Themas, die ich auch verstanden habe. Und eine erfrischend ehrliche Einschätzung des Themas: sollte man die Technologie einsetzen, wenn man keine spezifischen Anforderungen zur Verwendung dezentraler Systeme hat? Nein. Zu groß sind die Nachteile in Bezug auf Performance, Skalierbarkeit und Komplexität.
  • Stefan Roock/Fritz Pieper: Vertragsgestaltung für agile Software-Entwicklung: Sehr erhellend, die Sichtweisen eines (agilen) Software Engineers und eines Juristen nebeneinanderzustellen. Von den subtilen Unterschieden zwischen Werk- und Dienstvertrag hat man als gestandener IT-Consultant ja schon gehört, aber die diversen, teils auch neuen Modelle der Vertragsgestaltung waren schon sehr aufschlussreich. Fazit: wenn zu Beginn beide Parteien genau überlegen, wie sie zusammenarbeiten wollen und das auch im Vertrag dokumentieren, erhöht das die Chancen auf ein erfolgreiches Projekt beträchtlich (ok, genau genommen keine überraschende Erkenntnis, aber in der Praxis doch häufig sträflich vernachlässigt). Und „agiler Festpreis“ ist und bleibt schwierig… Die beiden haben auch ein Buch zu dem Thema geschrieben.
  • Michael Hunger: GraphQL – eine moderne Lingua Franca für die API-Entwicklung: einer der wenigen Hardcore-Techie-Vorträge, mit viel Live Coding und Hard Facts in schneller Folge. Mir dämmerte auch schnell die Erkenntnis, dass wir das im aktuellen Projekt vermutlich auch gut gebrauchen könnten: mit dem expliziten, typisierten Schema kann ein Client klar definieren, welche Daten er haben möchte und welche nicht. Ausufernde JSON-Geflechte, von denen 90 % eigentlich gar nicht gebraucht werden, oder Diskussionen zwischen Frontend- und Backend-Entwicklern, wann denn diese Beziehung noch mitgeladen werden muss, lassen sich damit vermeiden. Beeindruckend auch das Ökosystem, dass in kurzer Zeit bereits rund um diese Spezifikation – mehr ist es erst einmal eigentlich nicht – entstanden ist.
Die Keynotes

Keynotes sind ja eine ganz besondere Spezies im Konferenzprogramm: Sich auf der Bühne des riesigen Auditoriums des Kongresszentrums hinzustellen und vor meist mehr als 1000 Zuhörern zu präsentieren, ist nicht jedem gegeben. Vielleicht nicht überraschend, dass die Meister dieser Disziplin zum großen Teil Amerikaner waren – oder dort ihre Heimat gefunden haben. Sie haben halt ein Faible für große Show, ob es nun die DevOps-Evangelisten von Microsoft (Donovan Brown, Abel Wang) sind, die ihre Visual Studio Team Services und die Art, wie sie sie entwickeln – mit VSTS natürlich – als den Olymp der SW-Entwicklung verkaufen (großartig: der Vergleich mit Formel 1-Boxenstopps gestern und heute) oder Silicon Valley Consultants, die Microservices mit Game of Thrones-Charakteren vergleichen – Michelle Bustamante, Surviving Microservices).

Man kann auch über neue Features in C++ sprechen – echt jetzt? C++? – und dabei klarmachen, dass C++ die Programmiersprache für echte Kerle ist (Gabriel Dos Reis). Das neue Feature in C++ heißt übrigens „concept“, und ich verkneife mir natürlich den billigen Witz, dass C++ jetzt endlich auch ein Konzept hat…

Mein persönliches Keynote-Highlight war aber der Auftritt von Richard David Precht – ja, der aus den Talkshows… – der eine Stunde ohne Folien oder Manuskript seine Thesen zur digitalen Revolution locker vortrug. Man muss den Mann nicht mögen, aber was er sagt, hat Hand und Fuß und regt zum Nachdenken und Diskutieren an.

Fazit

Es passiert gerade viel in der Welt des Software Engineering, aber darüber, wohin die Reise geht, gibt es noch keine einheitliche Meinung. Ich nehme wieder viele Eindrücke mit, die noch verarbeitet werden wollen und sicher irgendwann den Weg in den Software-Engineering-Alltag finden werden.

Autor

Dr. Martin Fritz Martin verfügt über langjährige Erfahrungen in der Software-Entwicklung. Seine Schwerpunkte sind die Architektur und das Projektmanagement komplexer Anwendungen. Seit März 2015 ist er als Principal bei der Accso – Accelerated Solutions GmbH tätig.
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