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10. Februar 2014 / von Dr. Helena Unger

Innovationskongress

2013

Themenblock 5

Ich möchte diesen Blog nutzen, um einen komprimierten und dennoch inhaltlich vollständigen Bericht über den Innovationskongress 2013 wiederzugeben. Der Kongress fand vom 05. – 06. November 2013 in Berlin statt. Das Thema Industrie 4.0 war dieses Jahr sehr populär, hoch politisch und spannend zu gleich.

Das Motto des Kongress war: „Wirtschaft und Wissenschaft treffen sich zum Thema Industrie 4.0 – Die Fabrik der Zukunft“. Es war eine interessante Mischung von Leuten der Produktion aus den Bereichen Automotive, Maschinenbau, Elektrotechnik, Elektronik, Mechanik und IT sowie Wissenschaftlern. Die Redner präsentierten ein breites Spektrum an Visionen, Paradigmen und Realisierungsansätzen, für die heutige industrielle Revolution.

Mein Bericht erstreckt sich über fünf Blog-Beiträge:

Themenblock 1: Warum 4.0, und was ist aus den vorherigen drei Releases geworden?

Themenblock 2: Smart Factory produziert Smart Products. Das ist das Thema des vorliegenden Blog-Beitrags.

Themenblock 3: Das Smart Ecosystem-Paradigma stellt für die Softwareentwicklung eine große Herausforderung dar.

Themenblock 4: Die kritischste Frage von Industrie 4.0 – die Sicherheit. The Internet of Things, Internet of Everything, Fog Computing. Was ist das Nächste?

Themenblock 5: Wie verändert Industrie 4.0 die Arbeitswelt?

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Feedback. 

Themenblock 5: Wie verändert Industrie 4.0 Arbeitswelt?

Des Vortrag von Frau Köhler mit dem Thema „Industrie 4.0 als Veränderungsprozess: Wie Unternehmen sich heute auf die Arbeitswelt von morgen einstellen können“ fiel auf den ersten Blick aus der Reihe. Dennoch war dieses Thema mit der höchsten emotionalen Anteilnahme der Kongressteilnehmer verbunden. Fast jeder Referent sollte auf die Frage „Wie verändert Industrie 4.0 Arbeitswelt?“, eine Antwort haben. Jeder stellt sich die Frage „Was werde ICH tun, in einer Welt, wo alles automatisiert und selbstorganisiert ist?“.

Die Realisierung von Industrie 4.0 ist nur dann erfolgreich, wenn sie mit hoher Akzeptanz der Betroffenen verbunden ist. Betroffene sind von jeher skeptisch. Frau Köhler hat fünf Thesen dargestellt, um Industrie 4.0 in der Strategie zu verankern und ganzheitlich als strategische Initiative aufsetzen.

Die erste These lautet: „Vernetztes, flexibles Arbeiten wird die Regel.“ Als Folge verändern sich Aufgabeninhalte sowie Rollen, und Mitarbeiter werden flexibler einsetzbar. Berufsprofile werden vielseitiger, interdisziplinärer und anspruchsvoller, wobei die IT-Kompetenz die Basiskompetenz wird. Hohe Anforderungen an die individuelle Flexibilität bergen Vorteile, aber auch ernst zu nehmende Risiken. Das ist es, was für IT Berater bereits heute der normale tägliche Ablauf ist, aber für die Produktionsarbeit einer großen Änderung darstellt.

Mit Industrie 4.0 werden sich Produktionsarbeiten in Wissensarbeiten verändern. Komplexität der Informationen, neuartige, wechselnde Aufgaben- und Problemstellungen fordern Problemlöse-Kompetenz als Schlüsselkompetenz. Wissensmanagement und Organisationales Lernen werden eine entscheidende Bedeutung bekommen. Die Kultur des Lernens und des Teilens von Wissen soll sehr aktiv gelebt werden. Ich finde, dass unser Unternehmen eine sehr hohe Kompetenz in allen oben beschriebenen Themen hat. Und das ist auch unser Potenzial in Thema Industrie 4.0.

Die nächste Aussage klingt hart, aber scheint ehrlich zu sein: „Unternehmen, die nicht innovieren, sterben aus.“ Kundenbedürfnisse im Wandel erzeugen Innovationsdruck. Heutzutage herrscht ein totales Innovationsmanagement: Es ist gekennzeichnet durch die Ausrichtung der gesamten Organisation auf die Generierung und Umsetzung von Innovation. Die Innovationskultur des Unternehmens umfasst dabei das Infrage-Stellen, die Vernetzung, das Wissensteilen, das Ausprobieren und das Lernen. Ihre Ausprägung ist heute und morgen ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Die These „Lernen-on-Demand wird das neue Paradigma der Personalentwicklung.“ ist an Personalentwickler und Führungskräfte adressiert. Die Qualifizierung und Personal-entwicklung flexibilisieren sich und die Berufsprofile, wobei die Interdisziplinarität regelmäßig überprüft werden soll. Die Entwicklung von Problemlöse-Kompetenz soll als Hauptziel in der Ausbildung und in die tägliche Tätigkeit integriert werden. Das Personal, sein selbstorganisiertes Lernen, ein zu erzielender höherer Lerntransfer beim Workplace-Learning und das Monitoring des Lernbedarfs sowie die permanente Weiterentwicklung der Angebote sind Bestandteile der neuen Paradigma der Personalentwicklung.

Insgesamt ist jedoch die These „alte Modelle der Führung funktionieren nicht mehr“ mein persönlicher Favorit. Der Expertenansatz hat ausgedient. Der Leiter in Industrie 4.0 ist ein Ermöglicher, Ermutiger sowie Befähiger und hat als Bestandteil seiner Aufgabe, solche Rahmenbedingungen schaffen, dass Mitarbeiter leistungsfähig und motiviert sind. Moderne Leiter sind ein Impulsgeber im Problemlöse-Prozess, welcher diese Kultur vorlebt und fördert, damit permanentes Lernen, Innovieren und eigenverantwortliches Problemlösen gelingt. Wichtigste Aufgabe für Führungskräfte ist es, übergeordnete Muster zu erkennen und das Unternehmen (strategisch) weiter zu entwickeln.

Die Podiumsdiskussion „Industrie 4.0 – der Realitäts-Check.“ mit Regina Köhler, Klaus Burmeister, Johannes Diemer und Wolfgang Dorst war sehr interessant und hat alle Teilnehmer emotional mitgenommen.

Das Thema Akzeptanz von Fertigungsunternehmen spielt eine entscheidende Rolle. Einzelne Unterbranchen können eher etwas mit dem Thema Industrie 4.0 anfangen, als andere. Diese sind, wie zu erwarten, die Elektrotechnik und die High-Tech-Branche. Außerdem spielt die Unternehmensgröße eine gewisse Rolle. Große Konzerne haben die Kapazitäten, mit nicht ganz ausgereiften Konzepten zu experimentieren.

Eine weiterer Gedanke, der bei großen Fertigungsunternehmen z.B. den Automobileindustriegiganten existiert, ist, was mit den nicht ausreichend qualifizierten Kräften passiert. Mit dieser Frage wurde sehr deutlich eine Lücke aufgezeigt, welche im Verständnis der Qualifikationsdefinition zwischen „Akademiker und Kinder von Akademikern“ und Werksleiter, Gruppenleiter und usw. besteht. Die Antwort von „Akademikern“ ist, dass man Weiterbildung und Fortbildung für solche Kräfte anbieten kann. Es gibt aber eine Gruppe von Mitarbeitern – und nicht zu wenig -, welche nicht geeignet sind für die Weiterbildung, dieser Ansicht wiedersprechen jedoch die Praktiker.

Aber man kann diese Frage weiter generalisieren: wer wird schließlich für die Industrie 4.0, d.h. Smart Ecosystem, Internet of Everything usw. die geeignete Fachkraft sein? Wer kann dies alles projektieren, realisieren, warten und steuern? Lernmodule IT, Mechanik, Mechatronik, Elektrotechnik usw. zu mischen, war ein Vorschlag. Ich sehe das skeptisch. Ein Spezialist für alles ist am Ende ein Spezialist für nichts. Ein anderer Vorschlag ist es, in die Ausbildung Methoden aus Komplexitätstheorie, Selbstorganisationstheorie und weiteren speziellen Methoden einzubeziehen. Aber das macht nur Sinn, sofern auf die fundamentale Basis dieser Dinge aufgebaut wird. Wir leben in einer Zeit, da die Hochschulbildung, insbesondere an den Fachhochschulen immer praktischer wird und sich immer mehr an den Bedürfnissen des Tagesgeschäfts der Industrie orientiert, da die Absolventen sofort -und am besten bereits mit ersten Erfahrungen ausgestattet- einsetzbar und produktiv sein müssen. Hochschulen passen sich den Marktforderungen an und vernachlässigen die klassische theoretische Grundausbildung in den ersten Semestern. Nicht unmittelbar anwendbare Grundkenntnisse in Mathematik, Physik und Elektro- bzw. Automatisierungstechnik werden reduziert oder ganz gestrichen. Somit fehlen den künftigen Ingenieuren diejenigen allgemeinen Grundlagen, die sie -in verschiedensten, problemübergreifenden Situationen- allgemeine Zusammenhänge analysieren und verstehen lassen.

So lange nicht eine Änderung in der Ausbildung in Deutschland gefunden wird, ist eine Diskussion beider Gruppen (Akademikern und Praktikern) für den Erfolg von Industrie 4.0 von Nöten. Leider fehlt hier trotz Toleranz und dem Wunsch zur Verständigung oftmals eine gemeinsame Sprache. Hier sind wir als Beratungsunternehmen gefordert und haben ein wirklich weites, komplexes Aufgabenbereich für die Zukunft.

Autor

Dr. Helena Unger Helena arbeitet als Principal für die Accso Accelerated Solutions. Ihre aktuellen Schwerpunkte sind IT Projekt und Programm Management, sowie Teamentwicklung und System Reengineering und Modernisierung.
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