24. November 2017 / von Andreas Lohmann, Volker Jung, Thomas Jäger

Staunen

Nachdenken

Suchen

Web Summit 2017

Darfs noch etwas Mehr sein… 

Nach der Premiere in 2016 fand der Web Summit in diesem Jahr das zweite Mal in Lissabon statt und es gab wieder so einiges über was man Staunen konnte. Für eine Woche blickt die Tech-Welt auf die charmante Stadt am Tejo, die irgendwie den sympathischen Eindruck vermittelt, dass sie selbst nicht genau weiß, wie sie zu dieser Ehre gekommen ist, aber die Rolle gerne und gut organisiert annimmt.

Noch mehr Teilnehmer, mehr Bühnen, mehr Speaker, mehr Sonne, mehr E-Mails. Die monatelange Flut an wort- und bildgewaltigen Ankündigungen hat den Bogen vielleicht etwas überspannt und die Erwartungen, wie bei einem langen angekündigten Hollywood Blockbuster, so hochgetrieben, dass eine Enttäuschung eigentlich vorprogrammiert ist. Dennoch, der Web Summit hat viel versprochen und auch vieles gehalten. Und die Mischung aus Stadt und Stimmung, Hochkarätern der Branche, jungen Startups, echten Neuigkeiten und Themen, die nicht nur für Tech-Nerds relevant sind, sondern das Leben Aller in vielen Bereichen nachhaltig beeinflussen werden, ziehen sicher auch 2018 wieder 60.000 Teilnehmer aus der ganzen Welt nach Lissabon. Das Web Summit Marketing wird natürlich auch kein Zweifel daran lassen, dass die Konferenz der absolute Fixpunkt der Branche in 2018 ist. Auch Accso wird mit ziemlicher Sicherheit wieder vertreten sein.

Web Summit 2017

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle die Organisation dieses Groß-Events. Bei allen Horrorszenarien die man sich bei 60.000 Teilnehmern ausmalen kann, schaffen es die Organisatoren, die Tage ziemlich frustfrei zu gestalten. Und wer für 12.000 Personen in einer Veranstaltungshalle stabiles WLAN zur Verfügung stellen kann, verdient ein Sonderlob.

AI wohin das VR Auge sieht…

Staunen lässt einen auch, wie immersiv einige Themen auf den ca. 20 Konferenzen unter dem Dach des Web Summit diskutiert worden sind. Von Marketing und E-Commerce über Finanzwesen zu Gesundheit, Sport und Unterhaltung. An Künstlicher Intelligenz und Machine Learning kommt man nicht mehr vorbei. Nicht weit dahinter und ebenfalls allgegenwärtig, Virtual- und Augmented Reality und Voice bzw. Conversational Interfaces. Dicht gefolgt von der Blockchain und nicht zuletzt autonomes Fahren (und Fliegen). Zu Letzterem hat Waymo den Web Summit als Bühne genutzt und den ersten echten Testlauf einer autonom fahrenden Fahrzeugflotte (Waymo Driverless Cars) im öffentlichen Straßenverkehr von Phönix, Arizona angekündigt. Es bleibt die Hoffnung, dass die deutschen Hersteller nicht wirklich soweit hinterherhinken, wie es ihnen so häufig vorgeworfen wird und abseits der großen Bühnen den großen Wurf vorbereiten. [vgl. faz.net]. Ein durchaus erwähnenswerter Aspekt aus der Ankündigung der Alphabet Tochter Waymo ist die Tatsache, dass man sich ganz auf das vollautomatisierte Fahren konzentriert und keinen Zwischenschritt über Stufen 2 und 3 des autonomen Fahrens anstrebt. Ein situatives Eingreifen des Fahrers hat sich gerade in kritischen Situationen als nicht realistisch herausgestellt, so dass der Mensch also Risikofaktor aus der Gleichung genommen wird.

Trotz der Allgegenwärtigkeit des Themas Künstliche Intelligenz auf allen Bühnen, verbleibt doch wenig konkret Greifbares. Auch hier hinterlässt das Waymo Beispiel den dauerhaftesten Eindruck. So werden die autonomen Fahrzeuge mit ihren Sensoren und KI Systemen nicht nur im echten Straßenverkehr, sondern auch mit Millionen von virtuell gefahrenen Kilometern und allen erdenklichen, virtuellen Grenzsituationen trainiert.

Web Summit 2017 - Waymo Vortrag
Websummit VR Präsentation

Auch die Deutsche Telekom hat erst kürzlich bekannt gegeben, einen eigenen Sprachassistenten an den Markt zu bringen. Dies zeigt, dass Voice Interfaces entgültig auf dem Weg zum Mainstream sind. Es wird spannend sein, zu beobachten, welche Anwendungsfälle sich durchsetzen und wie sich der Markt für Sprachassistenten entwickelt. Die ersten findigen Entwickler arbeiten sicher schon an einem Crossplattform Framework für Smartspeaker. An dieser Stelle wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass auch Accso an neuen Lösungen für Voice-Interfaces arbeitet und der Frage nachgeht, wie man mit Sprache programmieren kann. Dazu bald mehr im Accso Magazin.

Einige Kuriositäten wollen wir auch nicht vorenthalten: z.B. die Open Source Hacker von comma.ai, die ihren eigenen Ansatz für das autonome Fahren vorstellten. Mit den entsprechenden Adaptern für das Fahrzeug und mit einem Mobiltelefon ausgerüstet demonstrierten sie, wie autonomes Fahren auch ohne Unterstützung von Automobilherstellern geht. Vielleicht der nächste Trend nach der Drohne für den Hausgebrauch?

Mit gemischten Gefühlen geht man z.B. aus Vorträgen wie dem von James Vlahos, der einen Chat-Bot aus den Memoiren des verstorbenen Vaters generiert um post mortem Unterhaltungen mit ihm führen zu können, oder das Google Projekt GDELT, welches seine Analysefähigkeit über eine ¼-Milliarde Bilder demonstriert um gut und schlecht gelaunte Länder zu finden und drohende Aufstände zu prognostizieren.

Denn sie wissen was sie tun…

Die stetige Weiterentwicklung von KI Systemen auf dem Weg zur Superintelligenz, autonomen Systemen und humanoiden Robotern lässt einen bei aller Technologie-Begeisterung auch Nachdenken. Darüber wo diese Entwicklung hinführt und was sie mit der Gesellschaft und unserem Leben macht. Viele prominent besetzte Diskussionen des Web Summit vermitteln den Eindruck, dass diejenigen, die die Treiber dieser Entwicklung sind, sich ihrer Verantwortung bewusst sind und Politik und Gesellschaft dazu aufrufen, die notwendigen Rahmenbedingung zu schaffen. Dazu gehören z.B. die Bestrebungen der Vereinten Nationen zum internationalen Bann autonomer tödlicher Waffen oder den Umgang mit einer erwarteten Jahrhundert-Disruption am globalen Arbeitsmarkt. Die Entwicklung von sog. Superintelligenzen wird von manchen „Experten“ für die nächsten 30 Jahre prognostiziert, die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu schaffen um mit dieser Entwicklung verantwortungsvoll umgehen zu können, wird mindestens genauso viel Zeit in Anspruch nehmen.

Nachdenklich macht auch die Geschwindigkeit der Entwicklung und die Komplexität und damit die Begreifbarkeit der Technologie. Wer ist eigentlich wirklich in der Lage abzusehen welche Auswirkungen diese Entwicklungen haben werden, und was notwendig ist um angemessen darauf zu reagieren. Diejenigen, die diese Technologien weiterentwickeln und vorantreiben? Diejenigen, die die Verantwortung tragen die gesellschaftlichen, rechtlichen und ethischen Rahmenbedingen zu setzen, also Politik und Staatsorgane? Zumindest für die Letzteren erscheint dies mehr als fragwürdig. KI ist mehr als Neuland. Selbst als technologieaffiner Softwareingenieur erschleicht einen das Gefühl, auf eine Art Digital Divide 2.0 zuzusteuern.

Sehen und gesehen werden…

Etwas Suchen mussten man schon, um in einer der vier Web Summit Hallen einen Stand eines großen deutschen Unternehmens zu finden oder in der Agenda eine Session mit deutscher Beteiligung zu finden. Mercedes-Benz, Siemens, Die Digital Hub Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, um mal ein paar der wenigen zu nennen, die dem Besucher auch ohne gezieltes Suchen ins Auge fielen. Nachdem in Deutschland die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 bereits an den Stammtischen angekommen sind, bleibt zu hoffen, dass sich dies in den nächsten Jahren wandelt und das Bild der größten europäischen Technologie Konferenz nicht hauptsächlich von amerikanischen Unternehmen geprägt wird, sondern auch mehr von Unternehmen der größten europäischen Volkswirtschaft.

Bei den deutschen Vertretern der “Startup Szene”, die insgesamt sehr international besetzt war, bleibt ein doch recht positiver Eindruck zurück. Zahlenmäßig sicher nicht herausstechend, entsteht aber der subjektive und sicher auch etwas gefärbte Eindruck, dass sich Reife und Qualität der deutschen Startups im internationalen Vergleich im oberen Drittel befindet. Der Eindruck wird z.B. auch durch die Auszeichnung „Best Startup at Web Summit“ im Pitch-Finale für Uwe Tiegel mit dem Startup lifeina.com bestärkt. Oder durch Alexander Zosel von „Volocopter“ aus Karlsruhe, der auf zwei international besetzten Panels vertreten war, um über „Connected Mobility“ und fliegenden Autos sog. „Urban Air Mobility“ zu sprechen.

Lissabon und der Websummit – wie es scheint, Zwei die sich gesucht und gefunden haben. Wir finden 2018 sicher auch wieder den Weg in die Stadt, die an vier Tagen im Jahr zur Technologie-Hauptstadt Europas wird.

von Andreas Lohmann, Volker Jung, Thomas Jäger
Weitere Artikel

Das könnte Sie auch interessieren