Was sind agile Schätzmethoden ?

Klassische Schätzverfahren, wie das Function-Point- oder das Use-Case-Point-Verfahren, folgen meist einem algorithmischen Ansatz. Experten bewerten vorgegebene Teilaspekte (Eingabe, Ausgabe, Verarbeitung, …) und berechnen daraus eine quantitative Schätzung des Umsetzungsaufwands. Eine wichtige Annahme hierfür ist, dass die Anforderungen annähernd vollständig und in ausreichendem Detailgrad spezifiziert sind.

Agile Schätzmethoden entfernen sich davon, Anforderungen als unumstößlich und final anzusehen. Neben der reinen Aufwandsschätzung zielen agile Schätzmethoden darauf ab, Feedback zu generieren, um so frühzeitig Anforderungen zu vereinfachen, Alternativen aufzuzeigen sowie Risiken oder Chancen zu entdecken.

Mit dem Aufkommen von Extreme Programming und Agilität entstand die disruptive Idee, gewünschte Features in sogenannten Stories zu formulieren. Die Idee gründet auf der Erkenntnis, dass Spezifikationsdokumente meist unterschiedlich von ihren Lesern interpretiert werden und das für die Umsetzung nötige Verständnis nur im gemeinsamen Dialog entsteht.

Stories erklären knapp, warum etwas umgesetzt werden soll, wer es nutzt und was umgesetzt werden soll. Stories sollen verhandelbar sein – keine in Stein gemeißelten Spezifikationen, sodass sie diskutiert, zerlegt und angepasst werden können.

Eine Story kann für eine Anforderung beliebiger Größe stehen. Sie kann ein gewünschtes Feature oder auch ein ganzes Thema repräsentieren.

Eine beliebte Ausprägung für Stories sind User Stories. Sie stellen eine Schablone bereit, mit der die obigen drei Fragen beantwortet werden: „Als <Nutznießer/Rolle> möchte ich <Funktion/Feature>, sodass ich <Nutzen>.
Aus diesen Gründen passen Stories sehr gut zu agilen Schätzmethoden.

Agile Schätzmethoden

  • … sind leichtgewichtig und ohne ein komplexes und starres Regelwerk anwendbar.
  • … forcieren den Dialog zwischen Anforderer und Umsetzer. Durch Feedback, Nachfragen und Erklären wird das Unverständnis vermeintlich klarer Anforderungen zu Tage gefördert und tatsächliche Klarheit erzeugt.
  • … fördern den Dialog innerhalb des Umsetzungsteams, sodass Risiken, Alternativen und Abhängigkeiten schnell sichtbar werden.
  • … erlauben die Quantifizierung nach verschiedenen Einheiten, wie beispielsweise Komplexität, (Un-)Verständnis, Nutzen, Umsetzungsaufwand (Punkte oder Personentage), Risiko, Verzögerungskosten (Cost of Delay).
  • … werden im Team und nicht alleine angewendet. So berücksichtigt die Schätzung alle Aspekte der Umsetzung, unterschiedliche Leistung Einzelner und vermeidet übermäßigen Optimismus oder Pessimismus.
  • … verwenden als Schätzraster meist eine Pseudo-Fibonacci-Folge (0, ½, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 20, 40, 100) oder auch T-Shirt-Größen (S, M, L) um angemessen präzise zu schätzen.
     

Der prominenteste Vertreter aus der Gruppe agiler Schätzmethoden ist das Planning Poker®.